Gedanken: Tanz und Musik

Tanz und Musik sind beide Zeitkünste. Sie entstehen in der Zeit. Obwohl sie viele Ähnlichkeiten haben, sind sie voneinander unabhängig. Beide Künste haben ihre eigene innere Logik.

Der größte Unterschied zwischen Tanz und Musik ist, dass sie unterschiedlich geformt werden. Tanz wird mit den Augen wahrgenommen, während Musik mit den Ohren wahrgenommen wird. Die Augen können beliebig zu und aufgemacht werden. Man kann hin und wegzuschauen, den Blick richten, fokussieren, und eine Sache auf einmal betrachten. Die Ohren können nicht beliebig zu und aufgemacht werden und das Gehör kann nicht gerichtet werden. Mit den Ohren muss man vieles auf einmal hören. Es liegt an den Zuhörer zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht, was er sich anhört und was er ignoriert. Es erfordert mehr Mühe, eine Kohärenz zu finden.

Beim Tanz wird der Blick auf eine Tänzerin gerichtet und ihre Bewegungen gefolgt. Auch wenn sie sich nicht bewegt wird sie betrachtet. Eine Pause ist kein Loch. Der Tanz ist kohärent, weil der Blick auf die Tänzerin gerichtet wird. Im Vergleich zum Tanz ist es schwieriger in der Musik, Kohärenz zu erzeugen. Worauf sollte ein Zuhörer achten? Wie verbindet man Klänge, und wie trennt man sie? Wie kann man ein Stück komponieren, dass die Teile als ein Ganzes wahrgenommen werden, dass das Stück nicht auseinanderfällt? Und umgekehrt: Wie zeigt man, dass viele Klänge verschiedene Klänge sind, und nicht ein Klang?

Wegen dieser Eigenschaften des Hörens braucht die Musik für ihre Wahrnehmung mehr Zeit. Manchmal geschieht dies in Form der Wiederholung, die eine Grundeinheit zeigt und daran erinnert, was schon gehört wurde. Manchmal geschieht es in Form einer Stille, die zeigt, wo etwas anfängt oder aufhört. Im Gegensatz braucht Tanz nicht so viel Zeit, denn beim Sehen wird eine Kohärenz viel schneller erzeugt.

Diese zwei Künste werden also unterschiedlich geformt (sie haben unterschiedliche Eigenzeiten) und passen nicht immer gut zusammen. Wenn Choreographen und Komponist*innen nicht vom Anfang an zusammenarbeiten, entstehen Probleme. Entweder sind die Stücke schon festkomponiert, oder die Tänze sind schon fest choreografiert, ohne die Möglichkeit für einen Kompromiss und ohne die Möglichkeit, dass der Tanz und die Komposition füreinander maßgeschneidert werden. Entweder der Tanz oder die Musik muss ein Kompromiss machen.

Wie wird oft damit umgegangen? (Aktuelle Lösungen)

  • Der Tanz passt sich der Musik an: Bewegungen werden wiederholt, nicht aus der Notwendigkeit heraus, sondern nur um auf die Musik zu warten
  • Bestehende Musik wird dem Tanz angepasst: Wie z.B. wenn Tänzer ein Stück Musik nehmen und nur einen Teil wählen. Die Musik wird einfach ein- uns ausgeblendet. (Wie oft bei Eiskunstlauf)
  • Neu geschaffene Klänge (Klangfläche), maßgeschneidert für den Tanz - allerdings besteht es oft nur aus Effekten und verdoppelt nur, was gesehen wird. Es hat alleine keine Kohärenz.

Mein Ziel

Ich möchte Werke schaffen, in denen die Musik und der Tanz auf Augenhöhe sind. Der Tanz dient nicht dazu, die Musik zu verschönern. Die Musik dient nicht als Hintergrund für den Tanz. Beide Künste sollen gleichberechtigt, kraftvoll und frei sein.

Ich möchte Werke schaffen, in denen beide Kunstformen so authentisch wie möglich zum Ausdruck kommen können. Ich möchte Situationen schaffen, in denen beide Kunstformen die Freiheit haben, im Moment authentisch zu reagieren. Das bedeutet, dass beide Kunstformen ein gewisses Maß von Freiheit in ihrer Dauer benötigen.

Musik und Tanz haben unterschiedliche Formen. Oft wirken die Dauer bei Werken von Musik und Tanz gekünstelt. Entweder spielt die Musik und der Tanz hat keine Wahl, als sich zu wiederholen, um die Zeit zu füllen, oder die Musik wird einfach gekürzt, um den Anforderungen des Tanzes gerecht zu werden. Da ich sowohl Komponistin als auch Tänzerin bin, kann ich die Dauer und den Inhalt so aufeinander abstimmen, dass sie sich gut ergänzen. Helmut Lachenmann nennt dies “Eigenzeit”.

Zu den Eigenschaften von sowohl Musik als auch Tanz gehören Phrasen, Rhythmen, Tempi, Schwere/Leichtigkeit, Singen, Spannung, Raum… Ich bedenke diese Eigenschaften als Komponistin und Tänzerin und schaffe einen Kontrapunkt zwischen dem Tanz und der Musik.

Ich möchte Werke schaffen, in denen das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist.